Übertriebener Hype oder Investition in die Zukunft?

Gerade für viele ältere Menschen gehört die regelmäßige Einnahme von Medikamenten zum Alltag. Morgens, mittags, abends, vor oder nach dem Essen – je nach Art und Schwere der Krankheit müssen zahlreiche Tabletten täglich eingenommen werden. Pillendosen, Handy oder Uhren erinnern an die Einnahme von Medikamenten, warnen vor Herzrasen, überwachen den Schlaf oder messen den Blutdruck. Oft ist das Vergessen der Einnahme von Medikamenten kein großes Problem, es gibt jedoch auch Fälle, da kann es schnell lebensbedrohlich werden. Zum Glück gibt es inzwischen intelligente Medikamentenschachteln, die aktiv daran erinnern, Pillen und Tabletten rechtzeitig einzunehmen. Programmiert werden können diese Schachteln über das Smartphone.

Derzeit arbeiten viele Unternehmen weltweit an digitalen Neuerungen für den Medizinmarkt, so dass die digitalen Vernetzungen immer weiter voranschreiten:

Ein zukunftsweisender Trend

Intelligente Pillenschachteln sind nur eine von vielen Innovationen aus dem Bereich der digitalen Gesundheit. Immer mehr Unternehmen entwickeln Geräte, die den Gesundheitszustand überwachen und Krankheiten erkennen können. Die Ergebnisse werden an das Smartphone oder das Tablet gesendet. Digitale Gesundheit ist zum Milliardengeschäft geworden. Laut dem Marktforschungs-unternehmen CB Insights sind im Jahr 2017 rund sieben Milliarden US-Dollar weltweit in die Digitale-Gesundheitsbranche geflossen. 2013 waren es noch unter zwei Milliarden US-Dollar. Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger sieht die Entwicklung damit erst am Anfang. Das Unternehmen geht davon aus, dass sich das weltweite Marktvolumen bis 2020 auf über 200 Milliarden US-Dollar steigern wird.

Demografischer Wandel

Eine Studie der Vereinten Nationen prognostiziert, dass es im Jahr 2045 erstmals in der Geschichte der Menschheit mehr über 60-Jährige als unter 15-Jährige geben wird. Derzeit ist nur jeder fünfte Mensch 60 Jahre oder älter. Es ist offensichtlich, dass mit der alternden Gesellschaft auch die Zahl altersbedingter chronischer Erkrankungen zunimmt. Der Bedarf an kontinuierlicher Behandlung und gesundheitlicher Betreuung wird weiterhin stetig steigen. Da es immer weniger Ärzte sowie weniger medizinisches Personal und Pflegekräfte gibt, wird auch hier nach Alternativen gesucht, mit dieser Herausforderung umzugehen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung schätzt, dass im Jahr 2030 hierzulande mehr als 10.500 Hausärzte fehlen könnten.

Moderne Technik kann die medizinische Versorgung unabhängig von Arztterminen erleichtern. Die Nachfrage nach „intelligenten Pillenschachteln“ und anderen digitalen Produkten wird daher vermutlich in den kommenden Jahren immer stärker steigen. Bereits bei einer Befragung aus dem Jahr 2014 gaben rund drei Viertel aller befragten Deutschen über 65 Jahre an, dass sie durchaus bereit wären, ihre Gesundheit durch digitale Gesundheitstechniken überwachen zu lassen. Inzwischen dürfte die Zustimmung der Senioren noch einmal deutlich gewachsen sein. Die steigende Akzeptanz neuer Technologien eröffnet Unternehmen der Branche neue Geschäftschancen.

Auch Technologiekonzerne nutzen den Megatrend

Nicht nur die Pharma- und Gesundheitsindustrie kann von der Digitalisierung profitieren. Auch die Deutsche Telekom AG forscht seit Jahren an der Weiterentwicklung medizinischer Untersuchungen. Das Unternehmen war eines der ersten in Deutschland, das Geräte vermarktete, die selbständig diverse Parameter bei Patienten überwachen, ohne dass diese einen Arzt besuchen müssen. In Kooperation mit anderen Unternehmen hatte die Telekom bereits vor fünf Jahren ein vernetztes Pflaster auf den Markt gebracht, das automatisch Vitaldaten übermitteln kann. Über einen Zeitraum von sieben Tage sammelt dieses Pflaster Daten über Puls, Körpertemperatur, Schlafzeiten und Schrittzahlen. Im Anschluss werden die Daten an ein Smartphone oder einen Computer gesendet.

Unternehmen wie Google, Dell, IBM oder Samsung investieren ebenfalls längst Milliarden in Gesundheitsanwendungen. Der Pharmakonzern Merck & Co. hat sich für die Forschung in diesem Bereich inzwischen unter anderem mit Amazon zusammengetan, um Anwendungen für das Management chronischer Krankheiten zu entwickeln.

Nächste Stufe: Der Sprachassistent als Arzt

Im Oktober 2017 gab Merck &Co den Gewinner eines Wettbewerbes für Ideen für Diabetesanwendungen bekannt. Es war der „Sugarpod“ des US-amerikanischen Start-ups Wellpepper. Es handelt sich dabei um einen interaktiven Diabetesplan, der Patienten speziell auf sie zugeschnittene Aufgaben zuweist und sie per E-Mail, SMS oder App daran erinnert. Wellpepper entwickelte außerdem eine neuartige Waage: Sie scannt die Füße des Diabetikers und sendet das Ergebnis an Smartphone und Tablet. Und demnächst können sich Erkrankte die Aufgaben auch über Sprachassistenten wie Amazons Alexa ansagen lassen.

Smartphone-Apps und kabellose Anwendungen beschleunigen das Wachstum im Gesundheitsmarkt: Entwicklung des digitalen Gesundheitsmarktes von 2015 bis 2020 in Mrd. US-Dollar

Die Beispiele zeigen: Bereits heute prägen Innovationen, schnelles Wachstum und eine hohe Dynamik das Gesundheitswesen. Künftig dürfte das Geschäftsfeld der digitalen Gesundheit noch sehr viel stärker an Bedeutung gewinnen. Somit bieten sich auch für Anleger große Chancen, so dass es nur von Vorteil sein kann, die Entwicklungen genau im Auge zu behalten.

Ralf Lex

Vorstand | ecoblue AG