Auch politisch wenig interessierte Menschen mussten in den letzten Monaten dem Begriff „Populismus“ öfters begegnen. „Populismus, Protektionismus und Paralyse sind die drei wichtigsten politischen Risiken heute. Die Politik muss entschieden handeln, um diese Risiken zu adressieren und Europa eine bessere Zukunftsperspektive zu bieten. Langfristig hat die Wirtschaft Europas ein enormes Potential, das nun gehoben werden muss“, sagte Prof. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin.

Doch die Börsen marschieren unbeeindruckt auch in den von Populismus betroffenen Ländern weiter nach oben. Sowohl der britische Aktienmarkt seit dem Brexit-Votum am 23. Juni letzten Jahres als auch der amerikanische Aktienindex S&P 500 seit der Wahl Donald Trumps konnten kräftig zulegen. Sollte man sich also allein aus Gründen des finanziellen Interesses der Anleger über Wahlsiege der Populisten freuen?

Wir meinen, auch ungeachtet gesellschaftlicher oder moralischer Einwände: Nein!
Die bislang stark positiven Entwicklungen der britischen und amerikanischen Börsenplätze sind eher dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass sich der globale Konjunkturzyklus in einer Erholungsphase befindet. Auch der Aktienindex der Schwellenländer, der Euro Stoxx sowie der Nikkei Index in Japan stiegen in den letzten Monaten kräftig. Außerdem überwiegen durch Wahlkampfversprechen kurzfristig geweckte Hoffnungen gegenüber mittelfristigen Politikanalysen, was aber kein nachhaltiger Effekt ist.

Der Populismus appelliert direkt an „das Volk“. Ein (oft) charismatischer Anführer polarisiert geschickt und stellt das „Wir“ gegen einen vermeintlich Schuldigen („Die“). Die Gegner sind abwechselnd die Medien, diverse Institutionen, die Flüchtlinge, Brüssel, die Banken, die Reichen oder das „Establishment“. Das vereinigende Thema des „Wir gegen Die“ gibt dem Populismus Kampfkraft.

Die traditionellen Politiker finden keine wirksame Antwort auf die wachsende Unzufriedenheit einer Gruppe, die mit einem starken Gefühl der Ungerechtigkeit einhergeht. Die Digitalisierung auf allen Ebenen der Wirtschaft trägt ihren Anteil bei: Arbeitsplätze fallen weg und vor allem wenig qualifizierte Menschen haben dadurch zusätzliche Probleme. Populismus nährt sich folglich aus einer wirtschaftlichen Realität, und es wäre gefährlich, diese zu ignorieren. Populismus liefert dafür jedoch die falschen Lösungen: Er setzt auf wirtschaftlichen Nationalismus in einer globalisierten, vernetzten Welt, stellt „Sicherheit“ vor Freiheit und Konservatismus vor Innovation.

Nach 2016 stehen in Europa auch in diesem Jahr entscheidende Wahlen an. Frankreich steht als nächstes Land im Mittelpunkt des Interesses. Von Rechtspopulismus (Marine Le Pen) bis hin zum Linkspopulismus (Jean-Luc Melenchon) reicht das „Angebot“ bei der Präsidentschaftswahl. Viele abgehängte oder sich abgehängt fühlende Franzosen sind von der geschickten Rhetorik der Populisten beeindruckt und glauben ihren Versprechen.

Der Ausgang dieser Wahlen wird Folgen für die Anleger haben.
Sowohl Frau Le Pen als auch Herr Melenchon wollen das Land aus der Euro-Zone herauslösen. In diesem Fall würde zum ersten Mal ein Euro-Land die europäische Gemeinschaft verlassen. Dies dürfte die Europäische Union (EU) ins Chaos stürzen und mit ihr die Börsen. Dies wäre das „Worst-Case-Szenario“. So weit sind wir aber nicht und werden es hoffentlich auch nicht kommen. Am wahrscheinlichsten bleibt, dass Marine Le Pen (25 Prozent) und der unabhängige Kandidat Emmanuel Macron (26 Prozent) die erste Runde gewinnen. Die Stichwahl wird am 7. Mai die Entscheidung bringen.

Kein Land Europas wird durch den Trend zur Isolation gestärkt.
Die Unzufriedenheit bestimmter Gruppen in Teilen der westlichen Demokratien muss von der verantwortungsvollen Politik ernst genommen und bekämpft werden. Das Aussetzen des Freihandels und die Abschottung eines Landes sind keine Lösungen. Vor allem Frankreich braucht heute seine Partner im Ausland, die seine Exporte kaufen und sein Außenhandelsdefizit finanzieren.

Globale Trends als Chance erkennen und nutzen.
Die Globalisierung, der Freihandel von Waren und Dienstleistungen, die historisch niedrigen Zinsen, die Demographie oder die Digitalisierung – um nur einige zu nennen – bieten insgesamt mehr Chancen als Risiken sowohl für die Wirtschaft, den Wohlstand der Bevölkerung als auch für Anleger. Die zahlreichen Chancen, die sich auf lange Sicht ergeben, zu nutzen, muss unser erklärtes Ziel sein.

Erika Axelsson

 

 

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